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  • Herr Polty

Was nicht kaputt ist, muss nicht repariert werden.

Theater-AG führt "Performing Office" auf

Securitas – ein Traditionsunternehmen im Bereich Versicherung. Solide, mit guter Arbeitsatmosphäre und Team-Spirit. Wir erleben die Abteilung Hausrat. Dieter Häberle, ein Abteilungsleiter der alten Schule, pflichtbewusst, streng, aber für alle da, genau, aber nicht ohne Sinn für Menschlichkeit, hat seinen Laden im Griff. Die Securitas schreibt schwarze Zahlen.

Schnitt. Wir springen nun auf die Ebene des Vorstands. Ann-Christine Kammler, die Jüngste in einem von alten Männern beherrschten Vorstand denkt modern: Schwarze Zahlen müssen umgemünzt werden in Aktien. Geschickt leiert sie dem Vorstand grünes Licht für das Going Public der Securitas aus den Fingern.

Um das zu erreichen, bedarf es eines fundamentalen Change Prozesses. Dazu wird die Consulting-Agentur Consulto Mortale eingeladen, um den Laden von Kopf bis Fuß auf Entwicklungspotenzial zu durchforsten. Und vor allem: Um alles Alte, Bräsige, Bodenständige zu tilgen und durch moderne Strukturen und auch neues Personal zu ersetzen.

Und am Ende ist zwar der Börsengang erfolgreich, doch die Werte des Traditionsunternehmens und die Arbeitskultur sind zerstört. Der Vorstand kassiert ab, die Shareholder lächeln zufrieden und die Consultants ziehen weiter, um „nächste Woche … Daimler an die Wand zu fahren. VW hat uns einen Monsterauftrag verschafft.“

Soweit der inhaltliche Rahmen, der den Darstellenden herrliche Szenen bietet, um die einzelnen Facetten dieses unmenschlichen Prozesses vorzuführen. Klara Nowack, Claire Mann,

Kyra O´Callaghan und Amelie Göppner geben die eiskalten Consultants, pflegen ihren BWL-Sprech, als hätten sie seit Jahren nichts anderes gemacht, flirten strategisch mit den leicht manipulierbaren Männern und scheuen sich auch nicht, im Notfall Gewalt professionell einzusetzen (Claire Mann mit Karate-Techniken). Gioia Enzmann als junges Vorstandsmitglied fädelt mir diabolischem Charme die Umstrukturierung der Firma ein und liefert sich mit der Sekretärin des Vorstandsvorsitzenden (Charlotte Freitag als perfekte Grande Dame mit Stil und Akkuratesse) eine scharfzüngige Auseinandersetzung.

Als Gegenprogramm wird die menschliche bzw. menschelnde Seite der guten alten Hausratsabteilung vorgeführt. Da gibt es die Neue, Kathie (Sara Renon), die es zwar uncool findet, abends im Club ihre Profession anzugeben, sich aber dennoch auf den Job bei der Securitas freut. Knecht (Delia Jooß) und Vogel (Lea Schosser) repräsentieren Zuverlässigkeit und Solidarität und bieten in ihren Dialogszenen mit den Consultants einen überzeugenden warmen Kontrapunkt mit hohem Identifikationspotenzial. Frau Seidler (herrlich verliebt: Sarah O´Callaghan) erträumt sich ein romantisches Dinner mit ihrem Chef Dieter Häberle (Tim Krämer brilliert als Inkarnation der guten alten Zeit und wird so schnell zum Publikumsliebling). Wann immer es brenzlig und unbequem wird, ertönt das „oh-Gott-oh-Gott“ von Uschi, jener Mitarbeiterin, die in ständiger Bereitschaft zur emotionalen Hyperventilation die Ängste wie keine andere auf den Punkt bringt (Lea Lumpp demonstriert die hohe Kunst des Tiefstatus). Herauszuheben ist die Mitarbeiterin Sandra Scharschmidt, die im Bemühen, die neuen Strukturen zu beherzigen, einen grausamen Überarbeitungstod auf dem Laufband stirbt. Carlotta Brändle schafft es nicht nur, als Sandra dieser Figur ihre Ambivalenz zu verliehen, unter der die Figur selbst leidet, sondern spielt sich in ihrem Kampf gegen das unerbittlich Tempo steigernde Laufband in eine darstellerische Rage der Extraklasse. Eine andere Angestellte, Claudia Trunz, begehrt von Anfang an gegen den Change auf, wird zum Inbegriff von Widerstand und verbaut sich so schließlich jegliche Aufstiegschancen. In einem mitreißenden Monolog gibt Stella Thoma dieser Figur durch ihr intensives und nuanciertes Spiel ein unvergessliches Profil; changierend zwischen Neid und Aggression entlädt sich alle Wut und Verzweiflung. Aber nicht alle sind in der Abteilung auf altem Kurs: Peter Endres (Elias Peters als wunderbar hintertriebener Fiesling) hilft mit bei der Intrige gegen Häberle.

Jannik Wenger als der neue Finanzanalyst nimmt nicht nur die Abteilung, sondern auch das Publikum mit seinem überambitionierten Charme gefangen; Eleonora Reuss in der Rolle der Helen Haubrich gewinnt die Herzen spätestens bei ihrem Tango (Tanzpartner Adrian Freudig), den sie in ihrer Vision von sich selbst als Höhepunkt feiert.

Ein schauspielerischer und dramaturgischer Leckerbissen ist sicherlich das Motivationsseminar für die Abteilung, das im zweiten Teil geboten wird. Adrian Freudig als Diplom-Psychologe „Tom“ und Gioia Enzmann als Dr. Barbara Heckmann alias „Babs“ führen in überdreht-parodistischer Form Motivationsgurus vor; beide mit deutlich spürbarer Spielfreude und begleitet von vielen Lachern.

Und der Vorstand wird von Emilio Zhang, Tim Krämer, Elias Peters und Jannik Wenger bis auf die satirische Spitze getrieben, wenn über dümmliche Witze gelacht, Zigarren geraucht, Geld von der Bühne geworfen oder frauenfeindliche Sprüche geklopft werden.

Der Mix aus intensiven Dialogszenen, schauspielerisch höchst anspruchsvollen Monologen und konzise choreografierten Ensemble-Szenen unterhält das Publikum knapp zwei Stunden aufs Beste. Der Epilog mit einer 16jährigen Nachwuchskraft, die uns die noch eisigere Zukunft voraussagt und am Ende zu Strauss´ „Also sprach Zarathustra“ nach oben gestemmt wird, hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack. Aber genau das beansprucht ja auch dieses satirische Stück über die moderne Arbeitswelt: Der Zwang zur Erneuerung, vor allem wenn er durch ökonomisches Gewinnstreben verursacht ist, bringt unmenschliche Zustände hervor. Klara Nowack als Tanja Kositzky nimmt das Publikum aber nicht aus der Pflicht, wenn sie mit all ihrer bitterbösen Nonchalance sagt: „Ich habe mir abgewöhnt, Verantwortung für ein System zu übernehmen, das von der Mehrheit akzeptiert ist.“ Da klingt ein vielleicht ebenfalls alter Gedanke durch: Das System sind wir; wir, die wir darin mitmachen, als gäbe es keine Alternative. Autor und Regisseur Michael Polty hebt damit nicht alles Alte per se in den Himmel, sondern wirft vielmehr einen kritischen Blick auf die Tendenz, allem Neuen, nur weil es neu ist, mit fliegenden Fahnen zu folgen. Wenn Christoph Bartmann 2012 schreibt: „Wir haben nicht nur das Büro verinnerlicht, sondern das Büro hat sich in uns veräußerlicht; unser Arbeits- und Privatleben hat insgesamt die Form des Büros angenommen“, dann sind wir heutzutage vielleicht sogar noch einen Schritt weiter – man denke nur an die Corona-Zeiten. Das Erste, was auf der Strecke bleibt, ist Menschlichkeit, und mittlerweile sogar die Menschlichkeit gegenüber uns selbst. Einige Gestalten aus „Performing Office“ laufen in ihr Verderben, allerdings sehenden Auges. Klarer lässt sich diese Paradoxie der Arbeitswelt nicht darstellen - bis hin zum Plakat zur Aufführung (gestaltet von Philipp Höschele), auf dem wir den Werbespruch „Vollgas bei der Kostenbremse“ schmunzelnd registrieren.





 

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